Reisen mit dem Zug und mit dem Kopf
Am Zugfahren mag ich viele Dinge – aus dem Fenster zu schauen, Zeit zu haben um ein bißchen zu arbeiten, andere Reisende zu beobachten. Am Schönsten finde ich es, ihnen beim Lesen zuzusehen. Manchmal lesen sie mit strengem Blick und eng zusammengekniffenen Augen, manchmal schnell und hastig und manchmal – ja, da haben sie auch Mühe, ihre Tränchen zu verbergen. Ich versuche dann, den Buchtitel zu erhaschen oder sogar ein paar Zeilen Text zu entziffern. Oftmals habe ich beim Anblick der Leute schon eine gewisse Vorstellung davon, welche Sorte von Literatur sie gerade so bewegt und ich bin dann umso überraschter, wenn sich die Vermutung als falsch herausstellt.
Heute saß mir eine Frau gegenüber, die ihr Buch fast beendet hatte. Sie war etwa 50 Jahre alt und fuhr wahrscheinlich zur Arbeit. Wenn ich raten sollte, würde ich denken, sie sei vielleicht als Verkäuferin beschäftigt in einer Boutique oder einem Fachgeschäft. Ich sah ihr lange beim Lesen zu, bis sie tatsächlich auf der letzten Seite angekommen war. Dann las sie so hastig, als könne sie das Ende kaum abwarten. Irgendwann hob sie den Blick und lächelte. Sah aus dem Fenster. Las den letzten Abschnitt noch einmal und lächelte wieder. “Schön”, dachte ich, “wenn man Bücher mit auf die Reise nimmt und diese wiederum einen selbst auf eine Reise mitnehmen.” Die Frau klappt dann das Buch vorsichtig zu, strich einmal mit der Hand über den Umschlag und steckte es in die Tasche. Es war “Nachtzug nach Lissabon“. Wie passend!







